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Während einer Bauuntersuchung durch die Stadtarchäologie Göttingen in den Jahren 1984 bis 1986 wurde das Kernbaugefüge des Hauses Rote Straße 25 partiell freigelegt und dendrochronologisch beprobt. Hierbei wurde für fünf Kehlbalken im dritten Dachgeschoss eine Schlagphase von 1276/77 (d) nachgewiesen. Für fünf Ständer im ersten Obergeschoß wurde 1987 eine Datierung auf 1425 (d) erarbeitet. Vier Fichtenproben der Beprobung von 1984 aus dem Sparrenwerk konnten 2014 ebenfalls auf 1425 (d) nachdatiert werden. Im Jahr 2014 wurden vom Verfasser fünf Eichenproben und fünf Fichtenproben aus der zweiten Kehlbalkenlage, aus den beiden Decken über dem ersten und zweiten Obergeschoß sowie im dritten Dachgeschoß aus dem westlichen Giebelgebinde und im zweiten Dachgeschoß aus dem Mittel- Längs-Unterzug entnommen. Alle Proben datierten auf 1425 (d). Für die Vollgeschosse läßt sich anhand des Gefügebefundes und der nunmehrigen hohen Datierungsdichte im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts eine in der bisherigen Literatur angenommene Errichtung des Hauses im 13. Jahrhundert zweifelsfrei ausschließen.
Das 56° steile, vierfache Kehlbalkendach könnte dem Gefügebefund nach ins 13. Jahrhundert passen. Hierfür sprechen formal die Abbundzeichen ohne Traufseitendifferenzierung in der Mitte der Kehlbalken und an den Zopfenden der Sparren, das Abweichen der Abbundzeichen von der exakten mathematischen Zählfolge sowie ein Bundebenenversprung von 4.0cm zwischen den Sparren und dem vorspringenden Kehlbalken. Ähnliche Ausprägungen wurden in Sachsen-Anhalt an den Dachwerken von Hölle 11 Quedlinburg (Nordbau) mit 1260 (d) oder am Chordach des Magdeburger Domes nach 1255 (d) beobachtet.

Folgende Befunde belegen jedoch, daß das Dach von Rote Straße 25 mit Ausnahme der Giebel höchstwahrscheinlich komplett abgebaut und neu gefügt worden ist. Hierfür sprechen die Nachnagelungen der dritten Kehlbalken in den Gebinden 5 (Südseite), 4 (Nordseite) und 3 (Nordseite), die Aufstellung der Gespärre in veränderter Reihenfolge gegenüber den Vollgeschossen (Ziffernfolge 1-4-5-2-3 von West nach Ost) sowie entgegengesetzt zur Bundseite der Vollgeschosse von West statt von Ost wie dort. Darüber hinaus existieren an den Kehlbalken im dritten Dachgeschoß an einem Holz jeweils zwei einander widersprechende und von der regulären Zählung der Vollgeschosse abweichende Abbundzeichen. Aus diesen Befunden ist zu schlussfolgern, daß die fünf Kehlbalken von 1276/77 (d) nicht den Abbund des Hausgefüges insgesamt repräsentieren. Vielmehr ist davon auszugehen, daß das bestehende Dach in der heutigen Form während einer der jüngeren Umbauphasen in späten 16. Jahrhundert oder um 1700 neu aufgeschlagen wurde, wobei höchstwahrscheinlich auch die Sekundärhölzer des 13. Jahrhunderts erneut mit abgebunden wurden. An der Sekundärverbauung der hochmittelalterlichen Hölzer kann kein Zweifel bestehen, da sie in mehreren Fällen leere, aus dem bestehenden Gefügekontext nicht erklärbare Blattsassen aufweisen. Es handelt sich höchstwahrscheinlich um fragmentierte Kehlbalkenanschlüsse an einstigen Sparren eines zum Errichtungszeitpunkt des bestehenden Hauses Rote Straße bereits abgebrochenen Hausdaches.
Beim Zimmermannsgefüge des Hauses Rote Straße 25 handelt es sich, wie bisher immer in der Forschung diskutiert, um einen reinen Stockwerksbau. Entsprechend dem norddeutschen Haustyp sind dessen beiden Decken quer abgebunden. Er umfasste einen ca. 4,90m hohen Erdstock und einen ca. 2,30 m hohen Oberstock. Die Queraussteifung besteht aus kurzen, etwa im Winkel von 45° zwischen die Deckenbalken und die Traufwandständer geblatteten Kopfbändern. Der Längsaussteifung im Erdstock diente eine Fachwerklängswand circa im hofseitigen Drittelpunkt der Haustiefe. Diese beträgt im Erdstock ca. 13,90 m. Die Hauslänge beträgt bei sieben Gebinden Länge etwa 8,50 m.
Abb. 1: Göttingen, Rote Str. 25, Querschnitt
Abb. 2: Längsschnitt
Abb. 3:
Göttingen, Rote Straße 25. Fachwerk des Oberstocks mit rekonstruierten Fensteröffnungen
Abb. 4:
Fensteröffnung mit Knaggen und profiliertem Brüstungsriegel.
Rote Straße 25 in Göttingen
Ein Stockwerksbau von 1425 (d)
 
Das Fachwerkhaus Rote Straße 25 gilt in der Forschung seit langem als früher Prototyp eines Fachwerkhauses in Stockwerksbauweise. Im Zuge der aktuellen Sanierung war es jetzt möglich, das Hausgefüge eingehend zu dokumentieren. Im Ergebnis wird nunmehr erstmals die genaue Kubatur und der Abbund des Hauses deutlich – ein Grund, an dieser Stelle kurz die bisherige Forschungsgeschichte und den aktuellen Stand kurz darzustellen.
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Der Oberstock kragte straßenseitig um 55cm und hofseitig um 45 cm vor. Er erreicht hierdurch eine Tiefe von 14,90 m. Der Fußboden bestand aus ca. 4 cm starken Keilnutbohlen, die auf die Deckenbalken aufgenagelt waren. Diese originale Dielung ist im Oberstock weitestgehend erhalten geblieben. Das Hausdach ist seiner Grundkonstruktion nach ein binderloses, vierfaches, geblattetes Kehlbalkendach von 56° Dachneigung. Mit über 11 m Höhe ist es ca. 1,53 mal so hoch wie die Vollgeschosse. Seine Randgebinde sind als Fachwerkwände, mit nach innen geneigten Hochständern, Unterfirstständern und pro Dachgeschoss jeweils einem zwischen dem Unterfirständer und den Sparren gespanntem Kehlriegel ausgebildet. Hierdurch entstehen querrechteckige teils trapezförmige Gefache. Unter der Zerrbalkenlage und der ersten und zweiten Deckenbalkenlager spannen sich Mittellängsunterzüge von Giebel zu Giebel. Sie sind zu diesen jeweils durch geblattete Kopfbänder in Längsrichtung ausgesteift. Die Unterzug-Auflager am Giebel im Oberstock sind zusätzlich durch Sattelhölzer verstärkt. Die Traufständer beider Fassaden sind im Oberstock vollständig und im Unterstock im oberen Bereich (heutiges erstes Obergeschoss) erhalten. Der Längsaussteifung der Fassaden dienten kurze geblattete Streben sowie etwa auf halber Wandhöhe vor die Ständer geblattete Brüstungs- Langriegel. Erstere waren hofseitig im Oberstock nachweisbar. Letztere sind straßenseitig im Oberstock nachgewiesen. Die Stockwerks-vorkragungen auf bei¬den Traufseiten sowie der straßenseitige Dachfuß sind am Außenbau durch Langknaggen dreiecksversteift. Die Knaggen ziehen mit lang auslaufender Kehle bis in die Höhe der Brüstungsriegel hinab und verstärken so die mit stufenförmigen Durchsteckzapfen ausgebildeten Unterrähmverzimmerungen des Erd- und des Oberstockes in Querrichtung.
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Gleichzeitig wirken sie als voluminöser Fassadenschmuck. Dem gegenüber sind die Stockschwellen mit einer nur 4 cm hohen Hohlkehle an der unteren Vorderkante zwischen den gefasten Deckenbalkenköpfen eher zierlich ornamentiert. Der Brüstungsriegel auf der Straßenseite des Oberstocks wies eine Profilierung durch ein Karnies auf und kragte etwa 5 cm vor.
Sowohl straßen- als auch hofseitig konnten bauzeitliche Wandöffnungen nachgewiesen werden. Sie waren als zweibahnige Mittelstockfenster mit äußerer Abfasung ausgebildet. Im Oberstock waren vier gereihte Doppelfenster nachweisbar. Im Unterstock auf der Hofseite ließen sich am Rähm der Außenwand der hohen Halle Fragmente von drei nebeneinander liegenden Zweibahnenfenstern mit äußerer Fase nachweisen. Parallelbefunde zu diesem Fensterbefund sind u. a. von der Wartburg (um 1480 d) und vom Göttinger Haus Rote Straße 34 (1413, Hin¬terhaus) bekannt (freundliche Hinweise Ulrich Klein, Freies Institut für Bauforschung Marburg und Betty Arndt, Stadtarchäologie Göttingen).
 
Alle Zeichnungen: Frank Högg
 
Frank Högg, Wasserleben