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John T. Smith 1922-2016
Am 23. August 2016 verstarb an seinem 94. Geburtstag der britische Hausforscher und Archäologe John Thomas Smith – in England unter dem „Signet J T Smith über Jahrzehnte gleichsam eine Art wissenschaftliche Institution. Er war wohl einer der heute ganz seltenen, lange Zeiten und viele Länder Europas überblickenden Bau- und Hausforscher mit einer enormen Kenntnis auch der entlegensten wissenschaftlichen Literatur und Forschungen weit über England hinaus.

Das zeigte er auch in seinem grundlegenden Werk über die römischen Villen (Roman Villas. A Study in SocialStructure, London und New York 1997, 4. Auflage 2001), in dem er auf knapp 1000 (!) Grabungsbefunde vorwiegend aus England, Deutschland und Frankreich zurückgriff und so eine allgemeine (bei uns wenig bekannte) Architekturgeschichte des römischen Landguts (villarustica) verfasste, wobei er Aufbau und Nutzung der Bauten (von denen ja meist nur Grundrisse bekannt sind) vor allem als Widerspiegelung sozialer Strukturen sehen will. Diese Verknüpfung von stringenten, typologisch-strukturellen Untersuchungen mit Analysen zu Funktion und dahinterstehenden politisch-sozialen Bedingungen ist für seine Arbeitsweise typisch, aus der heraus er dann die großen Forschungsfragen nach den Ursachen, der Entstehung und Entwicklung von Bau- und Hausformen zu lösen versucht.
Seine Interessen beschränken sich dabei keineswegs auf Spuren des römischen Steinbaus, sein scharfer Blick bezieht sowohl die Vorgeschichte wie auch den „volkstümlichen Hausbau (der im Englischen so gut mit
vernacular umschrieben wird) und ganz besonders den Holzbau mit ein. So widmete er sich der immer wieder spannenden Frage der Mehrschiffigkeit im Hausbau über Zeiten und Regionen hinweg (Medievalaisledhallsandtheir derivatives, in: Archeological Journal, 112, 1955) und ganz besonders interessierte ihn die Entwicklung der Dachwerke seit dem frühen Mittelalter in Europa (u. a. Mittelalterliche Dachkonstruktionen in Nord-westeuropa, in: Claus Ahrens, Frühe Holzkirchen im nördlichen Europa, Hamburg 1982, S. 379-390 sowie The originsandearlydevelopment on thecoupled-rafterroof, in: Herbert May und Kilian Kreilinger (Hrsg.), Alles unter einem Dach. Häuser, Menschen, Dinge. Festschrift für Konrad Bedal zum 60. Geburtstag, Petersberg 2004, S. 305-316). Das sind nur einige wenige seiner so zahlreichen, immer anregenden, weitausgreifenden und klaren Beiträge zum Hausbau. Dass er aber auch den konkreten und in England ja oft außerordentlich dichten historischen Hausbestand in einer Region bearbeiten kann, zeigt sein brillantes Buch über den Hausbau in der Grafschaft Hertfordshire (in der auch sein Wohnort St Albans liegt) und die er im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit bei der Royal Commission on the Historical Monuments of England, also dem Pendant zu den deutschen Denkmalämtern, erarbeitet hat (English Houses 1200-1800. The HertfordshireEvidence, London 1992).
J T Smith war über die Ergebnisse und Fragestellungen der Haus- und Bauforschung in Deutschland bestens im Bilde – und offensichtlich schätzte er sie auch sehr. Mehrfach hat er Deutschland bereist und ihm bekannte Forscher besucht. Sprachprobleme gab es mit ihm keine – wenn es um die Sache, also die Kulturgeschichte des Bauens und Wohnens ging, dann konnte man sich immer mit ihm verständigen, und notfalls half er einem mit deutschen Fachbegriffen weiter, die ihm alle sehr vertraut waren. Das konnte durchaus anstrengend sein, wenn er in Diskussionen einen herausforderte, den eigenen Standpunkt zu bestimmten wissenschaftlichen Fragen zu erläutern. Doch ansonsten war er ein ganz bescheidener, fast anspruchsloser Gast, und ein liebenswürdiger und ausdauernder, wenn es um historische Themen ging, auch enthusiastischer Gesprächspartner. Wohl auf kaum einen anderen passt der Begriff „Gelehrter so sehr wie auf ihn, wobei er die ganz spezifische britische, unprätentiöse und pragmatische Gelehrsamkeit verkörperte. Es war ein Gewinn, ihn persönlich gekannt zu haben.
 
Konrad Bedal, Bad Windsheim